36. Evangelischer Kirchentag in Berlin: Christliche Werte, Bibelarbeit und Barack Obama

Vom 24. bis 28. Mai wird Berlin zum zentralen Ort der Christinnen und Christen in Deutschland. Dann findet hier der 36. Evangelische Kirchentag statt, zu dem mehrere hunderttausend Gäste erwartet werden.

Von Frank M. Wagner

Es ist eine Großveranstaltung, die ihresgleichen sucht und sogar die Dimensionen des Papstbesuches 2011 in Berlin übertreffen dürfte:  Fünf Tage lang werden über 100.000 Dauerteilnehmer und weitere 15.000 Tagesgäste den  36. Evangelischen Kirchentag besuchen. Dem Motto des Treffens dürften die Besucher daher alle Ehre machen, es lautet „Du siehst mich“. Mit der alttestamentlichen Losung begegnet die evangelische Kirche der Sehnsucht vieler Menschen danach, gesehen und angenommen zu werden. Insgesamt sind rund 2.100 Veranstaltungen sind geplant, darunter Bibelarbeit, Konzerte, Diskussionsrunden oder auch das gemeinsame Singen neuer Kirchentagslieder. Die meisten Programmpunkte können die Teilnehmer in Berlin wahrnehmen. So findet beispielsweise der Eröffnungsgottesdienst am Abend vor dem Himmelfahrtstag, also dem 24. Mai, auf dem Platz der Republik am Reichstag statt. Hier wird unter anderem Bundestagspräsident Norbert Lammert vor Ort dabei sein. Parallel gibt es zwei weitere Gottesdienste in der Stadt: einen international und ökumenisch geprägten vor dem Brandenburger Tor und einen weiteren für Groß und Klein am Gendarmenmarkt. Allein für diese drei Veranstaltungen rechnen die Initiatoren mit 140.000 Besuchern. Im Anschluss an die Gottesdienste folgt rings um deren Orte das Straßenfest „Abend der Begegnung“, zu dem bis zu 300.000 Menschen erwartet werden. „Es liegt eine erwartungsfrohe Spannung über der Stadt, die beim Abend der Begegnung in den Straßen und Gassen vibriert“, sagt Sirkka Jendis, Pressesprecherin des Kirchentages und fährt fort: „Während der nächsten drei Tage wird sich die Kirchentagsgemeinde fröhlich, mitunter singend, in vollen Bussen und Bahnen drängen, sich routiniert den Weg von Messehalle 7.1 nach 10.3 bahnen und immer wieder stundenlang auf Papphockern sitzen.“

Die größte Feier des Christentreffens findet jedoch weder in den Berliner Messehallen noch im Regierungsviertel statt. Nein, passend zum 500-jährigen Reformationsjubiläum wird es am 28. Mai einen Festgottesdienst auf den Elbwiesen in Wittenberg geben. Ganz in der Nähe hatte Martin Luther im Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosskirche genagelt. Zur Abschlussveranstaltung am Sonntagmittag wird auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in die Lutherstadt kommen. Über Berlin und Wittenberg hinaus finden von Donnerstag bis Samstag sechs weitere Kirchentage in acht Städten statt, die unter dem Motto „Kirchentag auf dem Weg“ stehen. Sie sind vor allem für Teilnehmer und Interessierte gedacht, die von weit her zum Festgottesdienst nach Wittenberg anreisen und zwischendurch Station machen wollen. Jede der Städte wie etwa Leipzig, Magdeburg, Erfurt oder Dessau-Rosslau feiert mit einem eigenen Programm 500 Jahre Reformation.

Viele Prominente

Der 36. Evangelische Kirchentag weist eine sehr hohe Prominentendichte auf. Dabei finden sich auf der Gästeliste durchaus nicht nur die Namen Lammert, Steinmeier und natürlich Merkel. Auch andere Spitzenpolitiker und Prominente sind vor Ort. So erscheinen etwa zur Bibelarbeit, die von Donnerstag bis Samstag  als konkurrenzloses Event jeweils von 9.30 bis 10.30 Uhr auf dem Programm steht, auch Katrin Göring-Eckhardt, Thomas de Maizière, Wolfgang Schäuble, Hannelore Kraft und Winfried Kretschmann. Sie werden ihre Interpretation ausgewählter Bibelstellen genauso vorstellen wie der Kabarettist Eckhart von Hirschhausen, Wise Guy Edzard „Eddi“ Hüneke, der Schriftsteller Bernhard Schlink oder die Bürgerrechtlerin und Autorin Freya Klier.

Barack Obama spricht

Die absolute Nummer eins der prominenten Gäste wird allerdings der ehemalige US-Präsident Barack H. Obama sein. Ein echter Weltstar, sieht man einmal vom eigentlichen Star der Veranstaltung, Jesus Christus ab. Auch wenn natürlich der Glaube und dessen Ausstrahlung auf das tägliche Handeln der Menschen im Mittelpunkt des Kirchentages stehen soll, dürfte der 55-jährige Ex-Präsident wohl viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und zum Publikumsmagneten avancieren. Am Vormittag des Himmelfahrtstages, also dem 25. Mai, wird Obama am Brandenburger Tor auftreten. Dort will er mit Bundeskanzlerin Merkel über das Thema „Engagiert Demokratie gestalten“ diskutieren.

Obama ist Protestant, hat in der Kirche „Trinity United Church of Christ“ (UCC) in Chicago geheiratet und seine beiden Töchter dort taufen lassen. Als Präsidentschaftskandidat trat er 2008 aus dieser Kirche aus und distanzierte sich damit von seinem Pastor Jeremiah Wright. Dessen wiederholte Hasstiraden hatte er zuvor als „aufhetzerisch und erschreckend“ verurteilt. Seinen Glauben gab Obama damit allerdings nicht auf. Im Gegenteil, er gründete einen Kreis bestehend aus fünf evangelischen Pastoren, mit denen er am Telefon betete, die Rolle der Religion in der Politik diskutierte oder sich Rat holte. Für ihn blieb der christliche Glaube daher stets eine wesentliche Basis, Leben und Politik zu gestalten sowie möglichst friedlich miteinander umzugehen.

Für die Macher des Kirchentags ist es ein echter Supercoup, den ehemaligen amerikanischen Präsidenten für das Christentreffen gewonnen zu haben. Der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Heinrich Bedford-Strohm hatte Obama im Mai 2016 zu einem Besuch nach Deutschland anlässlich des Reformationsjubiläums eingeladen. „Letztlich war die Einladung ein Zusammenspiel von EKD, Kirchentag, Kanzleramt und Auswärtigem Amt“, erklärt Pressesprecherin Sirkka Jendis. „Die Teilnahme von Präsident Barack Obama  am Kirchentag in Berlin auf einem gemeinsamen Podium mit der Bundeskanzlerin zum Auftakt des Reformationssommers unterstreicht wie international wir 500 Jahre Reformation feiern“, so Jendis. Sie betont, dass die christlichen Kirchen ein globales zivilgesellschaftliches Netzwerk von über zwei Milliarden Christinnen und Christen bildeten, das gestärkt durch die  feste Hoffnung auf eine bessere Welt sei. „Wer fromm ist, muss auch politisch sein“, bringt die Sprecherin den Zusammenhang von Kirchentag und Politik auf den Punkt.

Christliche Werten und Politik

In der Diskussionsrunde am Brandenburger Tor dürfte Obama auf die christlichen Werte als tragende und tragfähige Basis für Politik und Demokratie eingehen. Hier zeigt sich auch der Zusammenhang zwischen dem Kirchentag und der Politik beziehungsweise der Demokratie: Wer für Christliche Werte steht und versucht, diese entsprechend zu leben, transportiert damit auch sein Verständnis von Demokratie. Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au: „Ich bin gespannt, was er uns rät, wie wir Christinnen und Christen uns einbringen können, wie wir die Zivilgesellschaft angesichts der Umbrüche in der Welt stärken können. Wie er Mut machen kann und zwar konkret: Dass es wesentlich ist, sich für Demokratie einzusetzen und dafür, dass allen die gleiche Würde und die gleichen Rechte zukommen.“

Nicht nur für aktive Christen

Der fünftägige Kirchentag bedeutet Mitmachen. Die Teilnehmer suchen gemeinsam mit kompetenten und prominenten Referenten Antworten auf die Fragen der Zeit und der Gesellschaft: „‘Wie wird Frieden?‘ oder ‚Wie entwickelt sich weltweit die Flüchtlingslage‘?, gehört zu diesen Fragen, oder auch: ‚Wie begegnen wir politischen Stimmungen in unserem Land‘? „Aber genauso wird Flirten ein Thema sein, das Zusammenleben der Geschlechter diskutiert und überlegt, was es heißt, in der Großstadt zu leben“, sagt Sprecherin Jendis. Darüber hinaus wird es Konzerte mit Max Giesinger, Yvonne Catterfeld sowie die Uraufführung einer Sinfonie mit geflüchteten Musikern geben, daneben viele Ausstellungen und den großen „Markt der Möglichkeiten“, wo sich verschiedene Initiativen vorstellen und sich mit Gleichgesinnten vernetzen.

Die Tageskarte für den 36. Evangelischen Kirchentag kostet 33,- Euro (ermäßigt: 18,- Euro), die Abendkarte ab 16 Uhr nur 16,- Euro. Eine Dauerkarte für alle Tage liegt bei 98,- Euro (ermäßigt 54,- Euro), Die Familienkarte gilt für Eltern mit Kindern bis 25 Jahre (oder Großeltern und deren Enkel) und kostet 158,- Euro. Tickets gibt es unter www.kirchentag.de

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