Satirischer Kommentar zur Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten

Berlin, 26. Dezember 2010: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“, nein, das waren nicht die ersten Worte des neuen Bundespräsidenten Christian Wullf, als seine Weihnachtsansprache am 25.12. den Weg auf unsere TV-Geräte und in das Internet fand. Er beginnt mit „fröhliche Weihnachten“ und arbeitet brav die Themenfelder „Integration von Menschen mit Behinderungen“, „Migranten“, „Soldaten im Kriegseinsatz“, „Ehrenamtliche“, „Verschuldung in Europa“ ab. Zum ersten Mal, und das preisen einige Medien geradezu als weltbewegende Neuheit, sitzt der Bundespräsident nicht an seinem Amtsschreibtisch. Nein, er erdreistet sich zu stehen. Mehr noch: Er lädt gar Publikum in das Schloss Bellevue ein. Vorschläge und Ideen, die gut gemeint waren, endeten in der Umsetzung dann allerdings als hochnotpeinliche Inszenierung vor Statisten, die es nicht wagten, mehr als ein stummes Lächeln als Reaktion auf die erste Rede des Niedersachsen Christian Wulff in seiner Rolle als Bundespräsident zu äußern. Einzig der zweijährige Sohn Linus, den Wulff mit seiner zweiten Frau Bettina hat, bewegte sich während der Rede und spielte ein wenig mit seiner Mutter. Oder war es vielleicht Quengeln? Langweilige Anlässe wie Verwandtengeburtstage oder Autofahrten können bekanntermaßen selbst das das entspannteste Kind zum nörgelnden Nachwuchs degradieren. Während ich darüber nachdenke, fällt mir folgender Satz des Präsidenten auf: „Zusammenhalt, Verständigung, Miteinanderauskommen: Das brauchen wir in unseren Familien“. Ja, das ist unbestritten richtig. By the way: Wie geht es in diesem Zusammenhang eigentlich Ihrer ersten Frau, Herr Präsident? Und wie passt der Satz zu Ihrem Zivilstand: Immerhin sind Sie geschieden (was aus katholischer Sicht unmöglich ist) und nun bereits in zweiter Ehe verheiratet. Ach, naja, vielleicht gehört das auch gar nicht hierhin. Wichtig ist allerdings Ihre Glaubwürdigkeit. Und zwar auch in Bezug auf Ihr eigenes Privatleben. Fakt ist hier: Über das Privatleben Gerhard Schröders sagten Sie 1997 in einem Spiegel-Interview: „Die Wähler werden sich über Schröders persönliche und politische Unzuverlässigkeit so oder so Gedanken machen.“ Lassen wir den Satz einstweilen unkommentiert, denn es geht ja um die Verständigung und das Miteinanderauskommen. Ita sit!
Die Rede plätschert vor sich hin, der eine oder andere Zuschauer dürfte derweil etwas Augenpflege betreiben. Immerhin ist es jetzt auch schon 19.10 Uhr im ZDF. Konzepte gegen die aufkommende Müdigkeit hat der ehemalige Ministerpräsident keine. Er spricht seine gesamte Rede „auf einem Ton“, dem tiefen C oder D möchte man meinen. Keine Betonungen, keine Hervorhebung mittels variierender Lautstärke oder gar einer Veränderung der Geschwindigkeit. Gelobt wird Wullf von einigen Medien dennoch. Für was nochmal? Achso, ja, für seine neue fantastische Rede, mit der er laut „Bild.de“ „fast alles anders als seine Vorgänger“ macht. Er stehe „fröhlich lachend mitten im Gewusel“, so das Medium weiter. Sicher mag dies irgendwann während der Aufzeichnungssituation einmal so gewesen sein. Im Final-Cut, den die Zuschauer zu sehen bekamen, war von „Gewusel“ allerdings keine Spur mehr.
Und dann ist da noch die Umfrage, die das Umfrageinstitut Emnid für „Bild am Sonntag“ durchführte. Sie stellt klar: 53 Prozent der Deutschen sind der Meinung, Wulff mache seine Arbeit „besser als erwartet“. Wie bitte? Was haben die befragten Damen und Herren denn erwartet? Einen Pennäler, der bei Staatsbesuchen den Roten Teppich verfehlt, beim Amtsantritt über seine eigenen Füße stolpert und das erste Sommerfest im Schloss Bellevue mit einem höheren Alkoholpegel beschließt als ihn sich die anwesenden Pressefotografen jemals wünschen könnten? Wohl kaum.
Doch zurück zur „Rede des Jahres“. Natürlich: Jeder gute Medientrainer würde Christian Wulff empfehlen, mit Gesten und Mimik sparsam umzugehen. Als Präsident eines Landes scheint dies der richtige Ansatz zu sein. Seit je her. Wer aber wie der Osnabrücker Wulff neue Wege gehen will und mit der 40-jährigen Tradition des Am-Schreitbtisch-Sitzens bricht, sollte wenigstens authentisch schmunzeln, wenn er zugibt, dass sich auch seine eigenen Kinder mehr Zeit mit ihrem Vater wünschen. Wulff muss wenigstens ein paar mehr Schritte durch den Raum gehen und aus seiner überkommenen Statik ausbrechen. Denn so wirkt er bestenfalls wie ein Oberschüler der 12. Klasse, dem als Schulbester die Aufgabe zukommt, die Abiturrede zu halten.
Aber Wulff war schon immer so. Als er bei seinem ersten Landtagswahlkampf um das Amt des Ministerpräsidenten in den 1990ern über die niedersächsischen Marktplätze tingelte und sein Jackett leger über die Schulter warf, war dies auch schon das einzige Kennzeichen von Lockerheit. Bei Messerundgängen über die Hannover Messe oder die CeBIT bemühte er sich z.B. in Begleitung des neuseeländischen IT-Ministers Phil Goff besonders staatstragend aufzutreten und seine deutschen Fragen an einen Aussteller aus NZ mit einer Handbewegung zu betonen (cf. ET-Media Archivfoto). Die Übersetzung des zur kleinen Delegation gehörenden Dolmetschers (für Englisch und nicht Maori!), war da schon deutlich lebendiger. Die Anzahl der Journalisten war mit gefühlt drei oder vier Personen damals noch recht klein. Heute begleiten wir Christian Wulff in einer Schar von ein bis zwei Dutzend Pressevertretern. Aber Betonen und Hervorheben kann Wulff auch in seiner Eigenschaft als Bundespräsident noch nicht.
Wenn er allerdings ohne Mikrofon spricht oder so wie früher, als er sich von den Niedersachsen noch wählen lassen musste, eine Wahlkampfarena betritt, kann er dies allerdings durchaus. In Ansätzen versteht sich. „Der spricht viel zu präsidial und mag sich offenbar kaum klar positionieren“ hat der Verfasser dieser Zeilen einmal während eines Messerundgangs mit Wulff zu einer anderen Reporterin gesagt. Und nein, Christian Wulff hat sich nicht umgedreht und dementiert. Und genau deswegen ist er eben jetzt auch angekommen. Nur die neue Lockerheit, die nur zu gerne anhand seiner Patchwork-Familie, seines Alters oder seines Umgangs mit den Medien belegt werden will, ist de facto nicht vorhanden. Also, alles beim Alten. Wulff bleibt „Statiker“. Schade eigentlich. Für die Weihnachtsansprache 2011 kann man sich nur einen eloquenteren Bundespräsidenten, ein lebhafteres Publikum und eine Rede wünschen, die Wulff dann absolut frei hält. Versprecher und „Ähs“ sind ebenso sympathisch wie menschlich, Herr Bundespräsident. Oder war das etwa gar kein Teleprompter, von dem Sie die Weihnachtsansprache 2010 abgelesen haben? Den von Ihnen vielzitierte Respekt kann man Ihnen für diese Rede kaum zollen.

Frank M. Wagner
ET-Media, Berlin

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