Berliner Aufschwung statt “sexy” Armut

Gediegener Altbau, ruhige Einfamilienhäuser und zentral in Ku‘damm Nähe gelegen. Im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf lässt es sich gut leben. Wer sich eine Wohnung in Ku‘damm-Nähe, im friedlichen Schmargendorf oder gar am Grunewald leistet, verdient meist gut, ist zwischen 40 und 60 Jahren alt und den diversen Wirtschaftskrisen „von der Schippe gesprungen.“ Hier wohnt das libertäre Bildungsbürgertum, hat der Politologe Richard Stöss herausgefunden. Potentielle Grün-Wähler, die erfolgsorientiert leben, Wert auf eine hohe Lebensqualität legen und durchaus Tendenzen zum Hedonismus haben. Die Wirtschaftskrise findet hier nur in den Zeitungen statt. Das sieht man.

Gesundheitsdienstleister aller Art bieten ihre Dienste an, der Bezirk ist außerdem Berliner Therapeutenhochburg. Das geht aus Zahlen des Statistischen Jahrbuchs für 2010 hervor. Demnach sind in Charlottenburg-Wilmersdorf im Verhältnis zur Einwohnerzahl zwölfmal mehr Spezialisten ansässig als im Bezirks – Schlusslicht Marzahn-Hellersdorf, einer Plattensiedlung ganz im Osten der Stadt. Das wundert nicht. Im Plattenbau hat der Aufschwung noch kaum vorbeigeschaut und wer von Hartz IV lebt, ums finanzielle Überleben kämpft, geht seltener zum Therapeuten, hat meist andere Sorgen. Viele Gesundheitsdienstleister und mehrere Therapeuten auf engem Raum sind deshalb Signale eines gewissen Wohlstands. Auch Antje Schweer macht in Gesundheit. Die gelernte Industriekauffrau hat irgendwann umgesattelt, ist Personal Trainerin und Ernährungsberaterin geworden und betreibt nun das Figurinstitut „formidal“. Hier können vor allem Frauen und – an separat stattfindenden Terminen – auch Männer ihre Figur korrigieren. Anders als in klassischen Fitnessstudios sitzt bei “formidal“ niemand auf dem Fahrrrad und schwitzt. Der Kunde trainiert die Pfunde stattdessen in einer thermo-physikalischen Wärmekabine ab. Bei 38 Grad Celsius. Während er seine gymnastischen Übungen dort unter Ozon-Sauerstoff durchführt, begleitet ihn eine Trainerin mit stetiger Anleitung. Antje Schweers Institut sitzt im Berliner Westend, wo schon Joachim Ringelnatz, Thilo Sarrazin und Max Schmehling gewohnt haben. Gleich um die Ecke, in der Nähe der Reichsstraße, haben sich viele kleinere Büros mit Steuerberatern, Unternehmensberatern, Wirtschaftsprüfern niedergelassen, deren Mitarbeiter sich nach Feierabend etwas Wellness de Luxe gönnen. Sie haben für sowas Geld. Mehr denn je: Schweer beklagt sich nicht. Ihre Geschäfte gehen gut. . „Wellness, Beauty und vor allen Dingen Wohlfühlen braucht der Mensch meiner Meinung nach immer mehr“, sagt die 41-jährige. Mittlerweile gehören auch Promis wie Schauspieler Anoushka Renzi und Frank-Thomas Mende zum Kundenstamm.
Nicht nur Schweer schaut optimistisch in die Zukunft. Auch die Gewerbeanmeldungen im Bezirk haben Konjunktur, sind zwischen 2009 und 2010 um 500 gestiegen. Bei den Unternehmensinsolvenzen sieht es auch gut aus: 273 waren es im Zeitraum Januar bis September 2009, für den gleichen Zeitraum im Jahr 2010 sind es 269, eine sehr leicht fallende Tendenz also, aber immerhin. Die Arbeitslosigkeit des wirtschaftsstarken Bezirkes lag im Dezember 2010 bei 11,1 Prozent, das entspricht rund 16.000 Arbeitslosen. In der gesamten Hauptstadt waren es laut Statistikamt Berlin-Brandenburg12,8 Prozent. Es gibt also den Aufschwung in Berlin, das glaubt auch Institutsleiterin Schweer. Mit „formidal“ schließt sie eine Marktlücke. „Und Marktlücken haben überall auf der Welt eine Chance“, sagt sie.

Marktlücken gibt beziehungsweise gab es auch ein paar Kilometer weiter östlich in dem knapp 65 Quadratkilometer großen Bezirk. Eine davon hat die Essener „Management für Immobilien AG“ (mfi) mit dem Bau der Wilmersdorfer Arcaden geschlossen. Das im September 2007 errichtete Einkaufszentrum beherbergt 125 Shops, Dienstleister und Gastronomieanbieter sowie Büros, Praxen und Wohnungen. Mit der Mall erweitere man das bisherige Angebot der Wilmersdorfer Straße erheblich und werte es zudem deutlich auf, heißt es auf der Homepage des Shoppingcenters. Das stimmt, denn die Location hat nicht nur aufgrund des vorher vorhandenen Shopangebotes, sondern durchaus auch wegen der zuvor deutlich weniger attraktiven Optik eine längere Durststrecke hinter sich. Jetzt allerdings floriert das Geschäft. Die Wilmersdorfer Straße, in der 1978 Berlins erste Fußgängerzone eingerichtet wurde, ist als Einkaufsstraße genauso beliebt wie die im gleichen Bezirk liegende, bekannte Tauentzienstraße oder der in der früheren Ostzone befindliche Alexanderplatz. Dementsprechend zufrieden zeigt sich Thorsten Müller, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei mfi: „Wir haben eine Riesenchance gesehen, dass es hier wieder nach oben gehen kann. Und diese Prognose hat sich bewahrheitet: Für das Jahr 2009 konnten wir ein Umsatzplus von 6 Prozent und für 2010 ein Plus von 10 Prozent verzeichnen“. Lob für die Wilmersdorfer Arcaden komme beispielsweise vom Bezirksamt genauso wie von alteingesessenen Berliner Bürgern oder dem Arbeitskreis Wilmersdorfer Straße, der sich für Förderung der Straße als Einkaufsmeile einsetzt. Aktuell weisen die Arcaden nur zehn Leerstände auf, für eine Vollvermietung veranschlagt die mfi AG noch etwa zwölf Monate. Die zweimal pro Jahr durchgeführten Kundenbefragungen ermittelten zuletzt ein Haushaltsnettoeinkommen von durchschnittlich 1.475 Euro im Einzugsgebiet. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Einkommen im ach so begehrt-trendigen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg liegt laut Statistikamt bei nur 1.200 Euro. Der Charlottenburger Wert klingt also durchaus nach Mittelstand wirkt in der Hauptstadt Berlin, die nach wie vor mit günstigen Mieten und preiswerten Restaurants glänzt, durchaus solide. Auf die vielzitierte Armut lässt das Einkommensniveau jedenfalls nicht schließen. Der vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit geprägte und fast allzu oft wiederholte Satz, Berlin sei „arm, aber sexy“, gilt eben durchaus nicht für jeden Bezirk der Metropole.

3. Juni 2011
Frank M. Wagner
ET-Media, Berlin

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